Russland und wir
Eines der beeindruckendsten Interviews, das ich seit langem gesehen habe ist folgendes mit Wladimir Rudolfowitsch Solowjow, der als russischer Fernseh- und Radiomoderator, Publizist und Regisseur arbeitet. Laut Wikipedia gilt er als führender Exponent der russischen Staatspropaganda und wird seit dem 23. Februar 2022 von der Europäischen Union sanktioniert.
Roger Köppel gibt ihm als relativ neutraler, Schweizer Journalist für die Weltwoche die Möglichkeit, seine Sicht auf den russisch-ukrainischen Krieg darzustellen. Dabei kommt nicht nur heraus, dass Solowjow Köppel meistens 2-3 Schritte voraus ist, sondern auch, dass er wirklich in ein Verständnis für den russischen Standpunkt in diesem Krieg einführen kann und will.
Bemerkenswert daran ist nicht nur sein profundes historisches Hintergrundwissen und seine Analyse der Geschehnisse in der Ukraine, sondern auch, dass er es versteht eine weit fundiertere Analyse europäischer Geschichte und Diplomatie zu liefern als Köppel, oder irgend ein anderer europäischer Politiker. Solowjow weist die Europäer deutlich darauf hin, dass sie als solche weder eine Identität, noch Kultur, noch irgendwelche Werte aufweisen können, die ihnen das Recht geben würden, Russland zu verurteilen. Völlig zu Recht zeigt er auf, wie Europa sich im 20 Jh. schon zweimal in einen Krieg gegen Russland aufhetzen liess, ohne dass Russland angegriffen hätte. Vielmehr ist es eine Tatsache, dass Russland geholfen hat Europa sowohl von Napoleonischer als auch von deutscher Herrschaft zu befreien.
Die unglaubliche Überheblichkeit, Dummheit und Dreistigkeit deutscher sowie weiterer, sogenannt europäischer Politiker wird damit eindrücklich auf ihren Platz verwiesen: “Da ist niemand, mit dem wir heute in Europa reden könnten”, sagt Solowjow und zeigt damit eindeutig auf, wie gefährlich und stupid die Gesprächs- und Diplomatieverweigerung Mitteleuropas gegenüber Russland ist.
Genau wie vor dem ersten und zweiten Weltkrieg müssen die Russen befürchten, dass sich die Europäer einmal mehr im Dienst des US-Imperiums gegen Russland aufhetzen lassen. Denn das ist der Elefant im Raum, den weder Köppel noch Solowjow deutlich benennen: Wer ist es, der die europäische “Sicherheitsarchitektur” garantiert? Wer ist es, der Russland mit der NATO-Osterweiterung mehr und mehr zu Leibe rücken will? Wer ist es, der sich mit westlichen Werten schmückt, während er selbst viel schlimmere, unprovoziertere und widerlichere Kriege in allen Teilen der Welt, und nicht an seiner Grenze, führt??
Das US Imperium mit seinen Vasallen, die es im nordatlantischen Bündnispakt zusammengefasst hat. Das Deutschland und Europa besetzt hält, und nur so tut als würde es sie beschützen, während es sie in Wahrheit missbraucht.
10 - 15x so viel investiert es in sein Kriegsbudget als Russland und überall auf der Welt unterhält es über 700 Militärbasen. Die Linke würde wirklich gut daran tun, sich an ihre frühere Imperialismuskritik zu erinnern, wenn sie noch irgend etwas für Mitteleuropa tun will. Es könnte irgendwann zu spät sein. Nämlich dann, wenn die Amerikaner sich dazu entschliessen, entgültig einen grösseren Krieg von europäischem Boden aus gegen Russland anzufangen, und die NATO weiter so instrumentalisieren, dass sich die Russen von ihr bedroht fühlen müssen.
Ob man Russland oder den Westen als Aggressor in diesem Krieg ansieht, ist nicht nur eine Frage der Perspektive. Es ist eine Frage des historischen Bewusstseins. Und deshalb muss man damit anfangen sich die Frage nach der Geschichte der Ukraine zu stellen. Dann wird man sehen, dass dieser Krieg mit einem Bürgerkrieg der ukrainischen Regierung gegen die eigene Bevölkerung und einem US amerikanischen Putsch angefangen hat, und nicht mit einem unprovozierten Überfall Russlands auf die Ukraine. So, als hätte Putin eines Tages schlecht gefrühstückt und dann beschlossen das russische Grossreich wieder herzustellen…
Das ist aber Tonalität von Politikern wie Strack-Zimmermann, die ohne rot oder unterbrochen zu werden behaupten; “Putin hätte hunderte Millionen von Menschen unter die Erde gebracht”. Man schämt sich für sie. Man kann es nicht anders sagen. Deshalb studiere jeder die Geschichte selbst, der “verstehen” will. Denn ohne Verstehen, Verständnis für Russland und die Ukraine, wird es keinen Frieden geben.

